UN Women
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Zwei Frauen, zwei Lösungen

20.06.2012 | Trivandrum, später Nachmittag, im Norden der Stadt. Allmählich wird die Hitze erträglich, das Licht in den geschäftigen Strassen ist zauberhaft schön. Im Büro der „Gewerkschaft für Haushalthilfen“ türmen sich die Unterlagen. Die Bürotische sind etwas zu klein geraten. Der Projektkoordinator Shinu V.S. sitzt mit angezogenen Knien vor dem Computer. Im Sitzungszimmer zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide aber sind aktiv, um das Los von Witwen im südindischen Staat Kerala zu verbessern.

Witwen vor Ausbeutung schützen
Sr. Sally Michal verströmt die Ruhe und Entschiedenheit einer Frau, die schon viel gesehen hat. Michal ist verantwortlich für zwei wichtige Foren, die das Los von Witwen verbessern. Für das keralesische Büro des „National Domestic Workers Movement“. Die Gewerkschaft setzt Verträge auf, die verhindern sollen, dass Haushalthilfen ausgebeutet werden. Sie informiert die Frauen über ihre Rechte, setzt sich ein für Mindestlöhne und eine Verbesserung der Gesetzgebung. Sie sorgt aber auch dafür, dass die Hausangestellten – unter ihnen viele Witwen – ihrer Vereinzelung entkommen und sich vernetzen. Das zweite Forum für das Sr. Michal verantwortlich ist, ist das südindische „Migrant Forum India“ (MFI). Der Hintergrund ist der, dass in den Golfstaaten eine grosse Nachfrage besteht nach indischen Arbeitskräften, u.a. nach indischen Haushalthilfen und Nannies. Viele Frauen jedoch geraten in die Fänge von Schleppern. Nicht selten werden sie von ihren Arbeitgebern in Oman oder Dubai ausgebeutet und wie Sklaven gehalten. Das MFI informiert auswanderungswillige Frauen und zeigt ihnen, worauf sie achten müssen, damit ihr Arbeitseinsatz im Ausland gut verläuft.

Gibt es Schweizer Firmen in Kerala?
Während Sr. Sally eher im präventiven Bereich tätig ist, setzt sich Malini Murali im Auftrag des keralesischen Sozialdepartementes dafür ein, dass sich die beruflichen Chancen von Witwen verbessern. Mit der Vergabe von Mikrokrediten und dem kostenlosen Zugang zu erstklassiger Fortbildung werden Frauen ermutigt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „The Kerala State Women’s Development Corporation Ltd.“ bietet Frauen überdies günstigen Wohnraum. Das ist wichtig, da es in Indien praktisch keinen Wohnraum für alleinstehende Frauen bzw. alleinerziehende Mütter gibt. Frauen leben traditionellerweise in der Herkunfts- oder in der Schwiegerfamilie. Häuser und Eigentumswohnungen sind mehrheitlich auf Grossfamilien ausgerichtet. Energisch und mit viel Humor kümmert sich Murali um die Projekte. UN Women Schweiz bittet sie gleich um Hilfe: „Ich würde gerne mit Schweizer Firmen sprechen, die in Kerala tätig sind. Wir wären daran interessiert, gemeinsame Projekte zu entwickeln, die geeignet sind, Stellen für Witwen zu schaffen. Sollten Sie solche Schweizer Unternehmen kennen, please let me know!“

Lebenslauf einer Witwe

20.06.2012 | Chandrika Kamalamma ist 64 Jahre alt und krank. Als Sechzehnjährige wurde sie von ihrer Mutter mit einem Mann verheiratet, den sie nicht mochte. Verliebt in ihn war nicht sie, sondern ihre eigene Mutter. Wie in Indien nach wie vor üblich, wurde das Frauengut bei der Eheschliessung an den Mann überschrieben. Stück für Stück verkaufte ihr Mann die 4000 Quadratmeter Land, die Chandrika einmal gehört hatten. Das Geld vertrank er und verprasste es mit anderen Frauen, bis buchstäblich nichts mehr davon übrig war. Chandrika war 28 Jahre alt und hatte drei Kinder, als ihr Mann über Nacht verschwand. Der Mann liess sie alleine mit der Überraschung, dass auch das Haus, in dem die Familie bisher gelebt hatte, einen neuen Besitzer hatte. Nach dem Tod ihres Mannes rackerte sich die Witwe jahrzehntelang in fünf Haushalten ab, um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. „Ich habe mich nie zu wehren getraut.“, sagt die alte Frau, deren Lohn aus einem Trinkgeld bestand. Verbessert hat sich ihre Lage erst, seit sie Mitglied in der Gewerkschaft für Haushalthilfen ist. Seit 2008 leitet sie deren monatliches Treffen in Trivandrum, eine Aufgabe die ihr viel Freude macht. Besonders grosse Freude macht es ihr auch, Gedichte zu schreiben, die sie singt, um jüngeren Frauen Mut zu machen. „Heute weiss ich, dass ich mit meiner Arbeit etwas Wertvolles leiste.“, sagt Chandrika Kamalamma.

Steigerungsformen der Armut: Frau. Dalit. Witwe.

20.06.2012 | Witwen in Indien haben es schwer. Obwohl Indien ein moderner Staat ist, die grösste Demokratie der Welt mit einer boomenden Wirtschaft, ist das Denken der Menschen noch immer stark verankert in den Epen des Hinduismus. Das bedeutet, dass Frauen mit Vorurteilen zu kämpfen haben, die 5000 Jahre alt und entsprechend hartnäckig sind. „Frau zu sein, bedeutet in Indien, Ehefrau und Mutter zu sein.“, sagt Malini Murali. „Die Hochzeit ist das wichtigste Ereignis im Leben einer Frau. Ausserhalb gibt es nichts.“ Murali muss es wissen, denn sie ist täglich konfrontiert mit den Folgen dieser gesellschaftlichen Übereinkunft. Mit dem Tod des Ehemannes verlieren indische Frauen alles: Ihre ökonomische Grundlage, den Respekt ihrer Kinder, den gesellschaftlichen Status. Besonders ist dies der Fall bei den Kastenlosen, den sogenannten Dalits.

Von der Witwenverbrennung zum Gefängnis der Vorurteile
Wer sich mit „Sati“ beschäftigt, versteht besser, warum Witwen auch heute noch enorme Schwierigkeiten haben, ein Leben in Würde zu führen. Witwenverbrennungen sind in Indien seit 1829 verboten, ebenso wie die religiöse Verehrung von Witwen, die freiwillig oder erzwungen im Feuer umgekommen sind. Die Annahmen jedoch, die diesem furchtbaren Brauch zugrundelagen, wirken nach. So die Überzeugung, dass nur eine Ehefrau eine gute Frau ist. Und dass sie, um ihre Treue als Ehefrau zu beweisen, dem Mann ins Jenseits nachfolgen sollte, um dort die Ehe zu erneuern. Tut sie dies nicht, bricht sie die Treue und verwirkt all ihre Rechte. Dazu kommt der unausgesprochene, bis heute produktive Verdacht, dass die Frau den Tod des Mannes verschuldet haben könnte.

Ein Leben lang Witwe, ein Leben lang ungeliebt
Besonders prekär ist die Lage für junge Witwen, von denen es in Indien überdurchschnittlich viele gibt. Das hat einerseits mit den risikoreichen Berufen zu tun, die kastenlose Männer ausüben müssen und die sie extrem gefährden. Zweitens kann es die Folge einer Zwangsheirat sein. Auf dem Land ist es keine Seltenheit, dass Mädchen gegen ihren Willen mit älteren Männern verheiratet werden. Sei es, weil der alte Mann einen hohen Brautpreis zahlt. Sei es, weil der Mann pflegebedürftig ist und sich mit der jungen Frau eine billige, fügsame Hilfe ins Haus holt. Für diese jungen Frauen kann die verfrühte Witwenschaft zu einem lebenslangen Martyrium werden, denn ihre persönliche Entfaltung wird von mehreren Seiten behindert. Eine Wiederverheiratung ist praktisch ausgeschlossen, einer Ausbildung steht die gesellschaftliche Ächtung entgegen: Nicht einmal im eigenen Elternhaus darf die junge Frau auf Hilfe zählen.

Um das Erbe betrogen
Wenig besser ergeht es Frauen mit Kindern oder älteren Frauen. Rechtlich gesehen haben sie – wie die jungen Frauen auch – einen Anspruch auf das Erbe ihres Ehemannes. Faktisch wird die Witwe oft um dieses Recht betrogen, denn je ungebildeter sie ist, desto weniger muss sich die Schwiegerfamilie darum sorgen, dass die Witwe ihren Anspruch rechtlich durchsetzen kann. Alarmierend oft sind es sogar die eigenen, erwachsenen Kinder, die ihre verwitwete Mutter aus dem Haus jagen. So stehen unzählige Witwen mittellos da. Ohne Geld, ohne Daheim, ohne Ausbildung und ohne Unterstützung für ihre Kinder.

Wichtige Verbesserungen für Witwen in Nepal

12.06.2012 | Dank bisherigen Interventionen von UN Women, weiteren UN-Organisationen und lokalen Frauenorganisationen hat die nepalesische Regierung mehr staatliche Mittel für Witwen budgetiert. Einerseits plante die Regierung die Einführung einer Geldprämie für Männer, die eine Witwe heiraten. Andererseits hat sie eine Witwenrente eingeführt. UN Women plädierte im Verbund mit anderen Organisationen für eine gerechtere Verteilung dieser Mittel. Die Vorstösse hatten Erfolg. Keine Geldprämien für Witwenheirat Anstatt mit den vorgesehenen Geldern Witwen den Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit zu erleichtern, hätte die Geldprämie für Männer, die eine Witwe heiraten, wie eine Mitgift gewirkt. Diese Praktik hätte Witwen stark unter Druck gesetzt, in eine Heirat einzuwilligen. Die Regierung hat nun die geplante Massnahme nochmals überdacht und die Geldprämie gestrichen. Finanzielle Unterstützung für Witwen jeden Alters Seit 2007 erhalten Witwen finanzielle Unterstützung als Teil des neuen sozialen Sicherheitsprogrammes. Allerdings hatten Witwen unter 45 keinen Anspruch darauf. Die Altersgrenze ist eine grobe Verletzung des in der Übergangsverfassung verankerten Rechtes auf Gleichstellung. Jede Witwe hat nun Anrecht auf Unterstützung – unter Berücksichtigung ihres Einkommens aber unabhängig ihres Alters. Eine von UN Women unterstützte Partnerorganisation hat deshalb beim Obersten Gerichtshof eine Petition eingereicht – mit positivem Resultat. Verwitweten Frauen fällt es nun dank finanzieller Hilfe deutlich leichter, ihre Kinder zur Schule zu schicken, einen eigenen Haushalt zu führen und unabhängiger zu leben. Dies ist ein wichtiger Schritt zur Veränderung von Jahrhunderter alter Traditionen, Bräuchen und Gesetze.

«…es gibt in Indien gleich viele Witwen wie es weltweit Menschen mit einer HIV/Aids-Infektion gibt…»

06.06.2012 | Guild for Service (Bericht über die Armut von Witwen in Vrindavan, November 2010)

Die indische Zeitung „The Hindu“ berichtet über Unterstützung aus der Schweiz für UN Women-Witwenprojekt

08.03.2011 | (Erschienen: 8. März 2011 – Übersetzung/Auszug: UN Women)

Die UN lanciert ein Programm für Witwen

„Nun ist es an der Zeit zu handeln und einen Platz für Witwen in der allgemeinen Politik und in Projekten sozialer Wohlfahrt zu schaffen.“

Zum 100. Jubiläum des internationalen Frauentags kündigte UN Women ein neues regionales Programm an, welches auf die Bedürfnisse von Witwen in Indien, Nepal und Sri Lanka ausgerichtet ist.

Auch der Hauptsitz von UN Women in New York berichtete über die Unterstützung des Schweizer Komitees. Lesen Sie mehr dazu im PDF des englischen Artikels.